Helm sei Dank

Zuerst erschienen am Mittwoch, 04.07.2007, 08:14 auf tomcool.mywoman.at

Alles Leben ist Physik. So schnell kann’s gehen, wenn Kräfte wirken.

Es war als gemütliches erstes Training für das Mannschaftszeitfahren des Team Ü400 gedacht. Gemütlich deshalb, weil ich in den letzten Wochen keine Minute am Rad gesessen bin. Ü400 weil wir ein 4er-Team mit insgesamt gut 400 kg auf die Beine gestellt haben. Was wohl knapp übertrieben war, aber doch annähernd erreicht werden konnte.

Um 17:00 war der Treffpunkt geplant, einzig ich hab um 16 Uhr noch gemütlich gepennt, nachdem ich mit O. C. im Arm eingeschlafen bin.

Zärtlich aus dem Schlaf gerissen von meiner lieben CH wankte ich schlaftrunken durch die Räumlichkeiten, um meine Ausrüstung zusammenzusuchen. Als ich endlich alles beisammen hatte, machte ich mich auf den Weg in die Garage, wo mein Ross mit mattem Huf da stand, die Luft war raus.

Da ich nun doch schon spät dran war, wollte ich mich nicht mehr auf die Suche nach der Pumpe machen, sondern verwendete eine CO2-Kartusche, wie wir sie sonst gerne während Rennen verwenden, um beim Schlauchwechsel Zeit zu sparen. Möglicherweise habe ich dem Schlauch hier zu viel Luft gegönnt, was sich später als fatal herausstellen sollte.

Los geht’s auf jeden Fall, von gemütlich keine Rede mehr. Wer spät startet, muss ordentlich rein treten, und so liefere ich mir mit einem nicht im Einsatz befindlichen Polizeiauto am Gürtel ein Rennen, und beweise ihnen, dass man mit dem Rad einfach schneller durch Wien kommt.

Mit einer knappen Viertel Stunde Verspätung treffe ich endlich auf meine 3 Mitstreiter. Die Vorzeichen hätten wir besser deuten sollen:

Mitstreiter 1: „Ich hab eigentlich gar ka Zeit!“
Mitstreiter 2: „Ich bin ja eigentlich so was von nicht in Form.“
Mitstreiter 3: „Ich hab ja überhaupt kan Bock aufs Trainieren.“
TC: „Seid’s Ihr wo angfahren? Ich hab grad noch herrlich geschlafen, hättet’s Euch das vorher überlegt.“

Damit war die Diskussion auch schon zu Ende und das Training gestartet.

Flott fanden wir uns zusammen, die Wechsel an der Spitze funktionierten von Beginn an, als wären wir ein jahrelang eingespieltes Team. Es rollte sich hervorragend, dank leichten Rückenwinds einerseits, dank unserer Masse, die sich im Flachen als durchaus nützlich erweist, andererseits, und so waren wir mit knapp 40 km/h Richtung Tulln unterwegs, als die Physik zu wirken begann.

Eine schnelle Links-Rechts-Kombination sorgte für ein jähes Ende der Trainingsfahrt. Normalerweise geht diese fast ungebremst, doch anscheinend hatte ich zu viel Luft im Hinterrad. Der schnelle Wechsel von der linken in die rechte Schräglage war dem Reifen zu viel. Der Mantel sprang von der Felge, mein rechtes Pedal rasierte am Asphalt, und ich machte das, was man aus dem Fernsehen von Motorrädern als „Highsider“ kennt: einen Abflug in die andere Richtung mit ungespitzter, ungebremster Detonation am Asphalt, Kopf und linke Schulter voran.

Das Geräusch meines aufschlagenden Kopfs werde ich so schnell nicht vergessen. Gleichzeitig rammte ich meine Schulter in den Asphalt, alle losen Teile spritzten durch die Gegend, mein Rad schlug mit lautem Krach auf, meine Sonnenbrille zersprang in die vorgesehenen Teile, Schläuche, Kartuschen, Werkzeug, alles verteilte sich in einem Umkreis von gut 15 Metern Durchmesser.

Ich wand mich kurz am Boden, als schon die ersten besorgten Fragen gestellt wurden: „Geht’s Dir gut?“
„Geht schon.“, log ich.
Mit der Kraft des Schocks stehe ich auf und sammle meine Sachen ein, baue meine Brille wieder zusammen und überlege, welche Knochen noch heil sind. Ich komme zum Schluss, dass wohl zumindest mein Schlüsselbein nicht überlebt hat. Dem Kopf geht’s anscheinend gut. Dem Helm sei Dank, dass ich noch lebe.

„Fohrma weiter?“ fragt mich heiter einer der Kompagnons, der sofort mit bösen Blicken der Kollegen gestraft wird. „Keine so gute Idee.“, meinen die anderen.

„Kannst wenigstens rollen?“
„Ich probiers!“, kann aber nicht.

Ein paar Meter weiter ist ein Würschtelstand, ich bestelle die Rettung dorthin, die bringt mich nach Korneuburg, während die Freunde mein Rad in die fürsorglichen Hände des Raddoktors übergeben.

24 Röntgenbilder später die Gewissheit: „Ich kann’s gar nicht glauben, ich war mir selber sicher, aber laut den Röntgenbildern ist alles ganz, nichts gebrochen. Eine Stauchung der Halswirbelsäule, Prellung der Schulter, möglicherweise ein Einriss eines Bands, die Abschürfungen, eine leichte Gehirnerschütterung. Aber sie sind mit dem Schrecken davon gekommen.“

„Herr Doktor, wenn das nur a Schreck ist, möcht ich nicht wissen, wie die ausschaun, die hier ernsthaft verletzt reinkommen.“ Ich lache fröhlich auf, glücklich, ohne Bruch davongekommen zu sein.

„Sie sind ja ein lustiger Mensch, wünsche Ihnen eine rasche Genesung.“

„Man darf schon einmal das Bewusstsein verlieren, Herr Doktor, aber niemals den Humor.“

Eine Woche Schonung, liegen, absolutes Hebeverbot. Die Strafe für meine Unachtsamkeit sind nicht die Schmerzen. Eine Woche lang kann ich meinen O. C. nicht hochheben und an meine Brust drücken, ihn zu herzen, ihn zu kuscheln. DAS tut weh.

Aber ich bin da, und das nur dank meines Helms. Daher noch einmal die Moral der Geschichte an alle: Kein Meter am Rad ohne Sturzhelm!!!

Es ist schön, endlich Vater zu sein. Es ist eine verdammt schöne Zeit!


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