Blackberry in the Wood

Sonntag, 11.02.2007, 23:08

Zuerst erschienen auf mywoman.at: Blackberry in the Wood

„Wenn wir schon mal da sind,“ sagte ich, als wir in einem großen Möbelgeschäft wegen Bettwäsche schauten, „könnten wir doch gleich einmal in die Kinderabteilung fahren. Da gibt’s eine tolle Auswahl an Kinderwägen und so, was man halt braucht…. “

Sie war natürlich gleich Feuer und Flamme. Also zoomten wir uns mit der Rolltreppe 5 Stockwerke höher, wo ein paar Wunderwerke der Technik zu bewundern waren: Kinderwägen.

Wahnsinn, was die Dinger heute alles können. Da gibt es Kinderwägen, in denen kann man Kinder transportieren. In anderen können die Kinder sogar schlafen. Einfach irre! Unglaublich sogar! Wunder der Technik eben. Dass so etwas um lächerliche 750 Euro gehandelt wird, ist schlicht ein Witz. Wovon sollen die Erfinder da noch leben?

„He Schatz!“, sagt sie, „bei dem hier stimmt das Preis-/Leistungsverhältnis.“
„Wirklich? Lass mal sehen!“

Tatsächlich. Kostet nur 499 und kann sogar das Vorderrad 360° im Kreis wirbeln. Und hat eine Vorderradscheibenbremse wie mein Mountainbike! Geil!

„Fantastisch! Besser geht’s nicht. Den nehmen wir! Aber nicht gleich. Lass uns erst einmal auf ebay schauen, ob wir den nicht günstiger bekommen.“

Am Abend suchte ich das Modell auf ebay und fand immerhin 15 sinnvolle Angebote. Die anderen 200 waren „Sonderangebote“ zum Listenpreis aus irgendwelchen Onlineshops.

Der eine hatte es mir besonders angetan. „Versende nicht! Nur Selbstabholer!“ So ein Dummkopf! Inseriert auf ebay und verzichtet auf 99,9% der Kunden. Wer außer mir fährt schon in die Hinterbrühl, um ein Schnäppchen abzuholen?

85 Euro, nur mehr 36 stunden, das könnte spannend werden. Bloß nicht mitbieten. Wenn ich jetzt biete, weiß mein Konkurrent, dass er eventuell kurz vor Ende der Auktion doch aufpassen muss. Um 16:04 muss ich online sein. Der wird mir gehören!!!

Tags darauf, Sonntag. Ich schaue ins Netz, der Preis ist gestiegen. 105 kostet er mittlerweile, immer noch eine Mezzie. Bloß nicht bieten, der bekommt auch noch ein email, damit er weiß, dass er mich überbieten muss.
Ich rufe meinen besten Freund an. Eben erst Vater geworden.

„Lass uns spazieren gehen, meine Frau braucht ein bisserl Bewegung an der frischen Luft. Und uns würde das auch nicht schaden. Ein wenig Sauerstoff hält uns munter heute Nacht bei der Superbowl!“ (Die aufmerksame Frau merkt sofort: Das Geschehen ist schon eine Woche her.)
„Gute Idee! Aber wir haben noch Besuch. Etwas später ginge es vielleicht. So um 1/2 4.“

Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Was tun? Den besten Freund versetzen? Oder die Auktion versäumen? Idee!

„Schatz? Können wir deinen Blackberry mitnehmen in den Wald? Dann könnte ich von dort aus die Auktion checken!“
Mit einem Blackberry ist man halt ein echter Checker!

Ich stellte den Wecker meines Handys auf 5 Minuten vor der Auktion. Dann fuhren wir zum Schwarzenbergpark, wo wir uns mit Freund, Frau und Kind trafen.

„He! Seas! Gratuliere! Schönes Kind! Toller Kinderwagen! Was hat der gekostet?“
„So 700 mit der ganzen Ausstattung.“
*schluck*
„Nooo, eh fast nix. Ich entschuldige mich gleich, wenn ich heute beim Spazieren gehen nicht ohne Unterbrechung für Konversation zur Verfügung stehe, aber ich check mir meinen Kinderwagen auf ebay. um an Hunderter. Muss nur im richtigen Moment mein Angebot senden. Gestern hätt ich schon beinahe einen gekriegt. Um 125. Aber ich war 7 Sekunden zu früh mit meinem Gebot. Da ist mir doch glatt so ein verdammter ****** im letzten Moment noch um einen Euro drüber gegangen. Aber das war eh mein Glück, weil heut spar ich noch mal 20 Euro.“

Wir machten uns auf den Weg. Ich startete den blackberry-Browser und checkte das Angebot. „Eh noch 20 Minuten, kein Problem. Worüber redet’s Ihr grad?“ Egal, worüber die reden, ich muss noch prüfen, wie lang der BB für einen reload braucht. Genau so lang vorher muss ich auf „bieten“ drücken, damit mein Angebot in der letzten Sekunde reinkommt und ich nicht mehr überboten werden kann. Ich werde bei meinem Angebot 30 Euro Reserve einrechnen, damit, selbst wenn noch jemand nach mir bieten kann, mein Angebot das höhere sein wird.“

Ich checke die Uhrzeit. „Schön ist es heute, nicht? Wovon redet Ihr gerade?“ Ich muss die Uhren synchronisieren. Mein Handy hat doch so eine Countdownfunktion, das ist doch super. ich drücke am BB auf aktualisieren. „Angebot läuft noch 2 Minuten und 24 Sekunden.“ Aktualisieren! „Angebot läuft noch 2 Minuten und 19 Sekunden.“ Genial. 5 Sekunden. Und das im Wald. Ich bin ein Genie, ich muss auf nichts verzichten. Mit den Freunden an der frischen Luft und trotzdem krieg ich den Kinderwagen um 106 Euro. Garantiert! Mit DEM System!

Aktualisieren! „Angebot läuft noch 1 Minuten und 54 Sekunden.“ Ich nehme mein Handy in die linke Hand und schalte den Countdown auf 1 Minute und 49 Sekunden. Mir schnappt keiner mehr einen Kinderwagen vor der Nase weg.

Meine Frau: „Du, weißt du noch wie der Film geheißen hat, der…“
„LASS MICH IN RUHE, ich kann grad nicht! Ich muss mich konzentrieren. Du willst doch auch diesen Kinderwagen, oder?“

Aktualisieren. „Das Angebot läuft noch 34 Sekunden.“ Na bin ich deppad, dass ich jetzt schon drück? Ich lass mich doch nicht schon wieder überbieten. HA! Da treibt noch einer den Preis in die Höhe! ICH weiß genau, wann ich draufklicken muss, der Countdown rennt ja. 11, 10, 9, 8, 7, 6, klick.

HAHA! Der gehört MIR!!!!!

„Das Angebot ist beendet bei einem Höchstgebot von EUR 105,00.“

Nein. Zu spät! Das gibt es nicht. Ich habe doch rechtzeitig draufgedrückt! Als einziger! Das letzte Gebot ist von gestern! Wie kann das passieren?

„Schatz, hast du den Kinderwagen bekommen?“
„Nein, ich hab mir’s anders überlegt, er war doch zu teuer. Wir warten auf ein besseres Angebot.“

Heute ist mir das nicht noch einmal passiert. Diesmal war ich rechtzeitig dran. Diesmal konnte mich keiner überbieten. Ich bin extra daheim geblieben. 7 Stunden lang habe ich nichts anderes gemacht als auf aktualisieren gedrückt.

Und jetzt gehört er mir. Für nur 211 Euro.

Plus Versand versteht sich.

Aber dafür ist er meiner. Ich war heute besser als die anderen, die ihn haben wollten.

Ihn!

Den Kinderwagen, in dem Mein Baby schlafen wird, mein Sohn.

Es ist schön, Vater zu werden. Es ist eine verdammt gute Zeit.


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