Schreihals

Zuerst erschienen am Dienstag, 26.06.2007, 20:47 auf tomcool.mywoman.at

Zum ersten mal treibt O. C. uns beinahe zur Verzweiflung.

In der vergangenen Nacht zeigte er uns zum ersten Mal, dass er doch nicht vorhaben würde immer nur zu schlafen und hielt uns, vor allem CH, die halbe Nacht wach.

Den ganzen Tag war er ruhig, dann sind wir noch eine Runde spazieren gegangen mit ihm, ein paar Einkäufe erledigen, die Plazentaglobuli aus der Apotheke holen.

„Ich hätte so gerne ein Paar neue Schuhe! Ich kann mir ja nichts anderes kaufen! Ausverkauf ist, und alles was ich mir kaufen kann, passt mir nur ein, zwei Wochen. Das bringt doch nichts. Aber Schuhe! Meine Füsse sind ja schon wieder normal!“

Wir gehen also in ein Schuhgeschäft. Sandalen hätten wir gerne. CH flaniert durch die Regale. Ich schiebe O.C. parallel dazu herum. Irgendwann merke ich, dass ich mich ja selbst nicht allzu wohl fühle, mein Blutdruck spielt verrückt, seitdem ich CH versprochen habe, ich nehme ihr wenigstens diese Last ab.

Das hat schon einmal funktioniert. An den Händen reichen, konzentrieren und sagen: „Gib es mir!“ Ihr ging es tags darauf besser, mein Blutdruck spielt seither verrückt. Jetzt habe ich 150:105.

Ich setzte mich also hin und warte, ob CH etwas findet. Sie kommt mit 2 Paar Schuhen daher.
„Welches soll ich nehmen?“
„Hmmm, welche gefallen Dir besser?“
„Ich nehm die.“
„Und die anderen nicht?“
„Hmm, soll ich doch die anderen nehmen?“
„Wie viel kosten sie denn?“
Plötzlich beginnt O.C. zu schreien. Der Schrei, der alle sich umsehen lässt, wo ein Kind gequält wird.“

„WääääääääÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!!!!“

Ich nehme O.C. aus dem Wagen, lege ihn auf den Arm, er ist kaum zu beruhigen. Ich lege ihn wieder zurück, greife zur Notbremse, die ich gar nicht mag: ein Schnuller.“
4 mal spuckt O.C. ihn aus, dann endlich gibt er kurz Ruhe.
CH war inzwischen zur Kassa geflüchtet.
„Ich nehme beide. Wir müssen hier raus. Ich muss ihn stillen!!!“

„Aber Schatz, das ist die Windel, sicher!“
„Nein, es ist seine Zeit, er hat Hunger!“
„Aber dann würde er doch mehr saugen am Schnuller.“ Und zur Kassierin: „Haben Sie hier eine Wickelkommode?“
Sie verneint, jemand meint, beim Gerngross gäbe es eine, alle sind eigentlich nett, aber wir schämen uns, weil wir unser Kind nicht zum Schweigen bringen.

Eigentlich schämt sich in diesem Moment noch nur CH, ich bin noch ganz cool.
„Fahren wir halt heim, so lange hält er durch. Schau, er ist grad ruhig.“
Tatsächlich scheint er sich genug angestrengt zu haben, er liegt ganz ruhig in seinem Wagerl. Wir fahren zur Ubahn.

Ich lerne neue Wege zu gehen. Denn ab sofort sind Aufzüge gefragt. Eine Familie ohne Kinderwagen, Gebrechlichkeiten oder Behinderungen besetzt den Aufzug, so dass unser Kinderwagen nicht hineinpasst.Ich wundere mich ein wenig, warte aber dennoch ohne mich aufzuregen.

O.C. regt sich auch nicht auf und ist ruhig. Bis wir ihn in den Waggon schieben. „Ausreichend Publikum“ denkt sich O.C. wohl und legt los. Der ganze Waggon dreht sich nach uns um. Ich beginne mich auch zu genieren, versuche alles um O.C. zu beruhigen. Eine junge Frau lächelt mich an und meint „Vielleicht ist ihm heiß. Hier ist es sehr warm. Das mögen sie nicht.“ Ich mache sein Jäckchen auf, nehme die Decke zur Seite, O.C. singt Arien.

Ich frage mich, ob er aus dem Ubahnschacht mit Außerirdischen kommunizieren möchte. Ich versuche ihm wieder und wieder den Schnuller anzubieten, doch O.C. schafft es trotz Schnuller zu schreien. Nach 3 Stationen endlich fügt er sich und nuckelt seinen Schnuller aus.

Erleichtert schaue ich auf und strahle in die Menge. „Seht her!“ möchte ich rufen, „Ich bin es! Ich, der sogar O.C. zum Schweigen bringt!“ und erwarte mir frenetischen Applaus und jauchzenden Jubel. Die Leute drehen ihre Köpfe aber still weg und knurren in sich hinein. Eine einzige junge Dame schaut durch die Scheibe und meint: „So süß!“ ich möchte sie umarmen dafür.

Endlich an unserer Station. Nichts wie raus. Es sind nur wenige Meter nach Hause. CH schaut mich an und sagt: „Ich darf den O.C. wahrscheinlich nie schieben. Immer schiebst DU stolz den O.C.“
„Kannst ihn ja gerne schieben, aber soweit ich mich erinnere, darfst Du derzeit nicht einmal den Bub heben, und als Du das erste Mal versucht hast, den Wagen zu schieben, hattest Du solche Schmerzen, dass Du ihn mir sofort zurückgegeben hast. Du kannst ihn aber gerne weiterschieben.“
„Die paar Meter kannst ihn jetzt auch noch selber schieben.“

Das hätte sie lieber nicht sagen sollen, denn kleine Sünden bestraft O.C. sofort und beginnt wieder zu schreien.
Endlich zu Hause hört er nicht mehr auf. Frische Windel, leckere Muttermilch, fröhliches Wiegen, nichts hilft. O.C. schreit und schreit und schreit.

Ch. verliert zum ersten Mal die Nerven und will ihn übertönen. Ich versuche noch einzuschreiten und sie zu erinnern: „Du weißt doch, dass er dann noch lauter…“

Zu spät. Die Gläser beginnen zu klirren. Ich lege schnell ein Tuch auf die Gläser, damit sie nicht platzen. CH wird laut: „Du schreist, wenn Du Milch bekommst, Du schreist, wenn Du keine Milch bekommst, Du schreist mit voller Windel, Du schreist mit sauberer Windel, ich weiß nicht, was ich noch tun soll mit Dir.“

CH hat eine Idee. Sie bringt ihn mir.

Ich nehme ihn auf den Arm, das hilft. Leider nur eine Minute. Ich lege ihn auf meine Beine, das hilft wieder eine Minute. Ich beschließe ihn schreien zu lassen. Irgendwann muss er doch zu müde werden zum Schreien.

Er wird nicht.

CH knurrt in sich hinein. „Ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause. Es ist mir egal ob JH morgen kommt und wie es hier aussieht. mir doch wurscht.“ Sie setzt sich ins andere Zimmer zum Laptop.

Der Bub schreit, ich frage mich, ob das noch gesund ist. Nach einer Minute meldet sich CH über skype aus dem anderen Zimmer: „Braucht er nicht vielleicht doch die Brust? oder die Mama?“

„Die Brust“ schreibe ich zurück, stehe auf, bringe ihn ihr und tatsächlich beginnt er doch noch zu trinken.

Endlich Stille.

„Still! Still! Still! Damit’s Büable endlich ruhig sein will.“

Sie währte nicht lange, die Stille. Wir bereiten uns auf eine schwere Nacht vor.

Es ist schön, endlich Vater zu sein. Es ist eine verdammt schöne Zeit!


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